Jedes Jahr schicken deutsche Kunden hunderte Millionen Pakete zurück. Amazon nimmt einen großen Teil davon entgegen, prüft die Ware und entscheidet: Weiterverkaufen, spenden oder vernichten. Die Vorstellung, dass retournierte Ware routinemäßig geschreddert wird, ist nicht ganz falsch – aber auch nicht die ganze Wahrheit.
Die Zahlen
Die Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg erhebt regelmäßig Daten zum deutschen Retourenmarkt. Die Ergebnisse: Rund 530 Millionen Pakete wurden 2022 in Deutschland retourniert. Davon werden laut der Studie etwa 4% vernichtet. Das klingt wenig, sind aber über 20 Millionen Pakete.
Amazon selbst veröffentlicht keine detaillierten Zahlen für den deutschen Markt. Das Unternehmen sagt, dass es “weniger als 1%” der Retouren vernichtet und den Rest weiterverkauft, spendet oder an Liquidationshändler weitergibt. Unabhängig verifizieren lässt sich das kaum.
Was bekannt ist: Seit 2020 gibt es in Deutschland eine erweiterte Obhutspflicht. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz verpflichtet Händler, retournierte Ware nach Möglichkeit weiterzuverkaufen statt zu vernichten. Vernichtung muss dokumentiert werden. Das Gesetz hat Wirkung gezeigt – die Vernichtungsquote ist seitdem messbar gesunken.
Was mit einer Retoure bei Amazon tatsächlich passiert
Wenn du ein Paket zurückschickst, durchläuft es mehrere Stationen:
Wareneingang und Sichtprüfung. Mitarbeiter im Retourenzentrum öffnen das Paket und prüfen grob den Zustand. Ist das Produkt komplett? Ist die Verpackung unbeschädigt? Funktioniert das Gerät offensichtlich noch?
Zustandsbewertung. Bei Elektronik folgen standardisierte Tests (Software-Checks, Funktionsprüfung). Die Ware wird in eine Zustandskategorie eingestuft: Wie neu, Sehr gut, Gut, Akzeptabel. (Details zu den Zuständen in Was ist Amazon Resale?)
Entscheidung: Resale, Spende, Liquidation oder Entsorgung.
- Resale: Produkte in gutem Zustand werden über Amazon Resale (ehemals Warehouse Deals) erneut eingestellt. Das ist der profitabelste Weg für Amazon.
- Liquidation: Ware, die für Resale nicht in Frage kommt (zu viele Mängel, zu geringer Restwert), wird palettenweise an Liquidationshändler verkauft. Diese verkaufen die Ware dann über eigene Kanäle oder Plattformen wie B-Ware-Shops weiter.
- Spende: Amazon spendet einen Teil an gemeinnützige Organisationen. Seit 2019 gibt es dafür das Programm “FBA Donations”, über das auch Marketplace-Händler Retouren spenden können.
- Entsorgung: Wenn nichts anderes wirtschaftlich sinnvoll ist. Typische Fälle: beschädigte Hygieneartikel, Produkte mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, Ware mit Sicherheitsmängeln.
Warum Vernichtung überhaupt passiert
Die naheliegende Frage: Warum vernichtet Amazon überhaupt etwas? Die Antwort ist unangenehm pragmatisch.
Lagerkosten. Jeder Quadratmeter Lagerfläche kostet Geld. Ein Artikel, der 5 EUR Resale-Erlös bringt, aber 3 EUR Lagerkosten pro Monat verursacht, rechnet sich nach wenigen Wochen nicht mehr. Besonders bei sperrigen Artikeln mit niedrigem Restwert (große Kissen, günstige Regale) ist die Rechnung schnell negativ.
Haftungsrisiken. Bestimmte Produkte darf Amazon nach Rücksendung nicht weiterverkaufen: Lebensmittel, Kosmetik mit gebrochenem Siegel, Medizinprodukte. Das ist keine Entscheidung von Amazon, sondern gesetzliche Vorgabe.
Marketplace-Ware. Ein großer Teil der Vernichtungsproblematik betrifft nicht Amazons eigene Ware, sondern FBA-Artikel von Marketplace-Händlern. Wenn ein chinesischer Händler billige Plastikartikel über Amazon verkauft und die Retouren nicht zurückhaben will (Rückversand nach China wäre teurer als der Warenwert), muss Amazon entscheiden, was mit der Ware passiert. Spende oder Liquidation ist oft nicht möglich, wenn die Ware keinen realistischen Verwendungszweck hat.
Was Resale-Kaufen bewirkt
Jeder Resale-Kauf ist ein Kauf, der keine Neuproduktion auslöst. Das klingt banal, aber die Kette dahinter ist konkret:
Weniger Produktion. Wenn du einen Staubsauger als Resale kaufst statt als Neuware, wird ein Staubsauger weniger produziert. Die Rohstoffe, die Energie, der Transport vom Werk zum Lager – alles eingespart. Bei Elektronik ist der Effekt besonders groß, weil die Herstellung von Chips, Displays und Akkus ressourcenintensiv ist.
Weniger Vernichtung. Amazon bepreist Resale-Ware so, dass sie abverkauft wird. Artikel, die schnell als Resale weggehen, landen nicht in der Liquidation oder Entsorgung. Je mehr Nachfrage nach Resale-Ware existiert, desto weniger wird vernichtet.
Weniger Verpackung. Resale-Ware wird oft in neutralen Amazon-Kartons statt in der Originalverpackung verschickt. Das ist ein Minus beim Wiederverkaufswert, aber ein Plus für die Umwelt: keine neue Hochglanzverpackung produziert, kein Styropor-Einsatz gegossen.
Die unbequeme Wahrheit über Nachhaltigkeit und Retouren
Es wäre einfach zu sagen: “Kauf Resale und du rettest die Welt.” So einfach ist es nicht.
Das eigentliche Problem sind die Retouren selbst. In Deutschland wird etwa jede vierte Online-Bestellung retourniert. Bei Bekleidung liegt die Quote bei bis zu 50%. Jede Retoure verursacht Transport, Verpackung, Handling und CO2. Ob die Ware danach als Resale weiterverkauft oder vernichtet wird, ist nachgelagert. Der nachhaltigste Kauf ist der, der nicht retourniert wird.
Resale löst nicht das Mengenproblem. Wenn Resale-Käufe dazu führen, dass Menschen insgesamt mehr kaufen (“Ist ja günstiger, also kann ich mir noch eins leisten”), ist der Nettoeffekt negativ. Ein Resale-Kauf ist nur dann nachhaltiger, wenn er einen Neukauf ersetzt – nicht wenn er zusätzlich stattfindet.
Aber: Innerhalb des bestehenden Systems ist Resale-Kaufen die bessere Option. Die Retoure existiert bereits. Die Ware ist im Lager. Ob sie an dich geht oder in die Entsorgung – deine Kaufentscheidung macht hier einen realen Unterschied.
Was du konkret tun kannst
Gezielt kaufen. Überleg vor dem Kauf, ob du den Artikel wirklich willst. Die niedrigste Retourenquote haben Käufe, bei denen Kunden vorher genau wissen, was sie bekommen. Die höchste Quote haben Vergleichskäufe (“Ich bestelle drei Kopfhörer und schicke zwei zurück”). Wenn du vergleichen willst, probiere es im Laden. (Und den besten Preis gibt es dann oft trotzdem als Resale.)
Resale statt Neuware. Wenn das Produkt als Resale verfügbar ist und der Zustand passt, gibt es keinen rationalen Grund für Neuware. Du bekommst dasselbe Produkt, Amazon haftet mit voller Gewährleistung, und du sparst Geld. Was genau du nach dem Kauf prüfen solltest, steht in unserer Resale-Checkliste.
Nicht blind retournieren. Wenn der Resale-Artikel einen kleinen Mangel hat, der nicht in der Beschreibung stand, frag beim Amazon-Support nach Preisminderung statt Rückgabe. Das spart eine weitere Retoure und damit Transport und Handling.
Die Kurzversion
- Rund 4% der Retouren in Deutschland werden vernichtet, Tendenz sinkend
- Amazon verkauft den Großteil über Resale, Liquidation oder Spende weiter
- Jeder Resale-Kauf reduziert Neuproduktion und Vernichtungsrisiko
- Der nachhaltigste Kauf bleibt der, der nicht retourniert wird
- Resale-Kaufen ist kein Ablasshandel, aber innerhalb des Systems die bessere Wahl
- Wann sich welche Kategorie als Resale lohnt: Die besten Kategorien
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